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Von smarter Sortierung bis Faser-zu-Faser: 3 innovative Ansätze im Textilrecycling

Überproduktion und kurze Produktlebenszyklen belasten Umwelt und Ressourcen gleichermaßen. Gleichzeitig wächst der Bedarf an hochwertigen Recyclinglösungen rapide. Drei Beispiele aus der Praxis zeigen, wie digitale Sortiersysteme, neue Prozessketten und moderne Recyclingverfahren den Weg zu echter Zirkularität ebnen.

Nur einige Zahlen genügen, um die Größe der Herausforderung zu umreißen:

  • Laut einem aktuellen Bericht der Europäischen Umweltagentur (EEA) fielen in den 27 EU-Mitgliedstaaten im Jahr 2022 knapp sieben Millionen Tonnen Textilmüll an.
  • Das entspricht gut 16 Kilogramm pro Person – und der Verbrauch steigt weiter.
  • Demgegenüber werden weniger als die Hälfte der in der EU anfallenden Altkleider zur Wiederverwendung oder zum Recycling gesammelt.
  • Nur ein Prozent wird zu neuer Kleidung recycelt

Textilrecycling – ein Schwerpunktthema der IFAT Munich 2026

Was ist nötig, um diese umweltbelastende Ressourcenverschwendung zu beenden? Wie kann ein hochwertiges Textilrecycling organisatorisch und technisch aussehen? Mit diesen und anderen Fragen beschäftigt sich die IFAT Munich 2026. Vom 4. bis 7. Mai widmet die Weltleitmesse für Umwelttechnologien diversen Aspekten des Textilrecyclings zwei Spotlight Areas. Die Sonderflächen werden vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) und vom Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft e. V. (BDE) in Kooperation mit dem Gesamtverband textil + mode getragen. Darüber hinaus ist das Thema am 6. Mai 2026 ein Schwerpunkt der Orange Stage.

Als Vorgeschmack präsentierten wir hier drei Ansätze für mehr Zirkularität in der Textilwirtschaft.

Die beiden Gründerinnen des Textilrecycling-Startups Turns stehen vor Ballen von recycelter Berufskleidung.
© Maria Bayer / TURNS circular systems
Katja Wagner (links) und Angelique Thummerer starteten als Gründerinnen den TURNS-Faserkreislauf.

TURNS: Zirkuläres Altkleidermanagement als Dienstleistung

Das Unternehmen TURNS circular systems bietet ein umfassendes, digital gesteuertes Managementsystem an, das alle Akteure entlang der textilen Wertschöpfungskette vernetzt. „Als strategischer Partner ermöglichen wir den Unternehmen die Umsetzung von geschlossenen industriellen Kreislauflösungen – von der Rücknahme und Sortierung über das Recycling bis hin zum Einsatz der Rezyklatfasern in neuen Textilerzeugnissen“, erläutert Katja Wagner. Die Textilbetriebswirtin gründete TURNS zusammen mit der IT-Spezialistin Angelique Thummerer im Jahr 2023 in Ansbach.

Berufskleidung im Fokus

Kernzielgruppe der Gründerinnen sind derzeit Unternehmen mit Mitarbeiterkleidung sowie Hersteller von Berufskleidung. „Bei diesen fallen große, homogene Mengen an Textilien und Kleidung an, die aktuell aus Datenschutzgründen thermisch verwertet werden – günstige Voraussetzungen für die Etablierung eines Recyclingkreislaufes“, erklärt Angelique Thummerer. Ergänzend sei geplant, das Kundenspektrum auf Inverkehrbringer von Textilien, Sortierbetriebe, Recycler und Textilproduzenten auszuweiten.

Um in den Faserkreislauf einzusteigen, melden die Unternehmen die von ihnen gesammelten Alttextilien im TURNS Online-Hub an und entrichten pro Kilogramm eine sogenannte Einspeisegebühr als wesentlichen finanziellen Motor des Systems. Über die Internetplattform können die Kunden den Weg und den Prozessstatus ihrer Materialien nachverfolgen. Damit verbunden ist eine rechtssichere Nachweisführung.

Im nächsten Schritt liefern Speditionen das Input-Material an aktuell drei kooperierende, dezentrale Sortierstationen in sozialen Einrichtungen. „Wir haben eine App entwickelt, mit der wir unsere Sortierkriterien und Auftragsdetails digital an die manuell arbeitenden Sortierbetriebe übermitteln können“, sagt Thummerer. Parallel zur visuellen und händischen Sortierung findet mit Nahinfrarot-Technologie eine Materialanalyse nach Faser, Farbe und Qualität statt, die dabei hilft, die Alttextilien ihrem weiteren Verwertungsweg zuzuordnen.

Das Faser-zu-Faser-Recycling zeichnet sich dadurch aus, dass jede Faser wiederverwendet werden kann. Außerdem kommt das Verfahren komplett ohne Wasser und Chemie aus.
Katja Wagner
  • Gründerin von Turns circular systems
Ein Förderband transportiert blaue Textilschnippsel.
© Maria Bayer / TURNS circular systems
Die zerschnittenen Textilien auf dem Weg zum weiteren Faser-zu-Faser-Recycling.

Chemiefreies Faser-zu-Faser-Recycling

Für das Recycling werden die sortierten, zu Ballen verpressten Kleidungsstücke an vier spezialisierte Firmen in Europa geliefert. Dort werden sie zerschnitten und auseinandergerissen. Anschließend lösen Maschinen mit feinen Nadeln die Fasern sanft aus der bestehenden Stoffstruktur. „Das sogenannte Faser-zu-Faser-Recycling zeichnet sich dadurch aus, dass jede Faser wiederverwendet werden kann und ihre Struktur erhalten bleibt. Außerdem kommt das Verfahren komplett ohne Wasser und Chemie aus“, beschreibt Wagner. Nach ihren Worten können sowohl Monomaterialien als auch Mischfasern recycelt werden, wobei sich sortenreine Ware, die zum Beispiel zu 100 Prozent aus Baumwolle besteht, besonders gut verarbeiten lässt.

Die zurückgewonnenen hochwertigen Fasern werden in Spinnereien mit frischen Fasern vermischt und zu neuem Garn versponnen. TURNS arbeitet hier mit jeweils fünf Partnerbetrieben in Europa und Asien zusammen. Die dort hergestellten Garne bestehen in der Regel zu 10 bis 30 Prozent aus Recyclingfasern, der Rest sind Frischfasern. Höhere Recyclinganteile sind laut Katja Wagner zwar technisch möglich, führen aber zu Qualitätseinbußen.

Industrieunternehmen und Modemarken können Materialien aus dem Faserkreislauf, wie Garne, Stoffe oder fertige Textilien, kaufen und daraus individuelle Produkte entwickeln. Insgesamt wurden mit dem TURNS-Faserkreislauf bisher über 170 Tonnen Altkleider recycelt und mehr als 115.000 neue Textilprodukte aus Rezyklatfasern hergestellt.

Hello again: Ex-Workwear wird Freizeitkleidung

Zu den frühen Nutzern des TURNS-Systems zählt der Berufskleidungshersteller HAKRO. Aus dessen ausgedienter Workwear werden Recyclingfasern gewonnen, aus denen HAKRO Freizeitkleidung herstellt und als eigene Produktlinie unter dem Namen Hello again vermarktet.

Looper Textile Co.: Schulterschluss von Handel und Recyclingwirtschaft

Das internationale Modeunternehmen H&M und der deutsche Umweltdienstleister REMONDIS haben im Jahr 2023 das Unternehmen Looper Textile Co. gegründet. Das Joint Venture soll sicherstellen, dass möglichst viele Textilien ein neues Leben erhalten, indem ausrangierte Kleidungsstücke gesammelt, sortiert und zur Wiederverwendung oder zum Recycling weitergeleitet werden.

Looper Textile Co. hat seinen Hauptsitz in Stockholm und verfügt über zwei Sortieranlagen in Deutschland – in Hamburg und Polch – sowie eine im polnischen Piła. Zusammen haben sie eine Kapazität von bis zu 50 Millionen Kleidungsstücken pro Jahr. Nach 40 Millionen im Jahr 2023 wurden im vergangenen Jahr zusammen mit weiteren Sortierpartnern weltweit mehr als 72 Millionen Altkleider verarbeitet.

Der Löwenanteil davon kam aus Europa, hauptsächlich aus Rücknahmesystemen des Handels. Kundinnen und Kunden können beispielsweise in allen H&M-Stores weltweit ihre nicht mehr benötigten, sauberen Textilien jeder Marke in bereitgestellte Recyclingboxen werfen.

Ein Förderband mit Textilien läuft durch einen optischen Sensor beim Textilrecycling.
© Looper Textile Co.
Am Standort Polch betreibt Looper Textile Co. eine automatisierte Pilot-Sortierlinie mit optischen und Nahinfrarot-Sensoren.
In maximaler Qualität herunterladen
Eine Frau sortiert gebrauchte Kleidungsstücke an einer Textilrecycling-Anlage.
© Looper Textile Co
In den Sortieranlagen von Looper Textile Co. werden die Kleidungsstücke überwiegend per Hand sortiert.
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Ein Förderband mit Textilien läuft durch einen optischen Sensor beim Textilrecycling.
Eine Frau sortiert gebrauchte Kleidungsstücke an einer Textilrecycling-Anlage.

Der Großteil geht in den Wiederverkauf

In den Sortieranlagen wird jeder Artikel händisch und visuell geprüft, um seine Qualität, seinen Zustand und sein Wiederverkaufspotenzial zu bestimmen. Kleidungsstücke, die sich als Second-Hand-Kleidung zurück in den Kreislauf führen lassen, werden in mehr als 200 Kategorien eingeordnet. „So wird die Wahrscheinlichkeit maximiert, dass die Teile im nächsten Lebenszyklus passende Kundinnen und Kunden erreichen“, erläutert Erik Lagerblad, Geschäftsführer von Looper Textile Co. Im Jahr 2024 fielen bei seinem Unternehmen 65 Prozent des Inputs in die Kategorie „Wiederverkauf“. Wichtige Absatzmärkte der Second-Hand-Ware waren Pakistan, die Elfenbeinküste, Bosnien und Rumänien. 25 Prozent der gesammelten Altkleider waren nicht mehr für den Wiederverkauf geeignet und wurden etwa zu textilen Reinigungstüchern oder Isoliermaterial verarbeitet.

Rund zwei Prozent Textil-zu-Textil

Im Jahr 2024 konnte bei Looper Textile Co. lediglich ein kleiner Prozentsatz von rund zwei Prozent der ausrangierten Kleidung zu neuen Textilien recycelt werden. Das dafür nötige mechanische Faser-zu-Faser-Recycling wurde von verschiedenen Industriepartnern in Ungarn, Polen, den Niederlanden und weiteren Ländern übernommen. Looper sieht allerdings großes Potenzial, diesen Anteil in Zukunft zu erhöhen. So gründete die H&M-Gruppe beispielsweise im Jahr 2024 zusammen mit der Investmentfirma Vargas Holding das Recyclingunternehmen Syre, das Polyester aus Alttextilien für den Einsatz in neuen Stoffen in internationalem Maßstab zurückgewinnen will.

Auch bei der Sortierung der Textilien gibt es noch Raum für Optimierungen. Hierzu betreibt Looper am Standort Polch eine Pilot-Sortierlinie, die optische und Nahinfrarot-Sensortechnologien nutzt. Trotz aller Bemühungen zur Weiternutzung und Kreislaufführung konnten etwa zehn Prozent des Inputs aufgrund massiver Verunreinigungen keiner der oben genannten Kategorien zugeordnet werden und wurden thermisch verwertet.

Blick auf die Bühne mit einer Panel-Diskussion mit Publikum auf der ISPO 2025.
© Messe München GmbH
Carina Hofmann-Wellenhof, Bastian Lankeit, Angelique Thummerer und Marie Nawrocki (v.l.) mit ihrem Panel über EPR auf der ISPO 2025.

EPR im Sport: Von der Verpflichtung zur Chance

Auf der IFAT Munich Cross-Industry Session auf der ISPO 2025 diskutierten Experten darüber, wie sich die Textilindustrie durch die erweiterte Herstellerverantwortung (EPR) verändern wird. Hier sind die wichtigsten Erkenntnisse:

  • EPR ist eine Systemänderung, kein Aufpreis.
  • Beginnen Sie jetzt, denn der Übergang kann nicht über Nacht erfolgen.
  • Design und Daten sind entscheidend für Ihre EPR-Leistung.
  • Für die Skalierung des Textilrecyclings sind neue Partnerschaften erforderlich.
  • Daten sind die neue Währung der Compliance.

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Ein Mann steht mit grauen Schöffel-Shorts im Wasser.
© Schöffel Sportbekleidung GmbH
Diese Shorts aus der CIRC-Linie bestehen ausschließlich aus Polyester und sind dadurch vollständig chemisch recycelbar.

Schöffel: Recyclingfähig dank Mono-Materialkonzept

Kleidungsstücke bestehen in der Regel aus einer Vielzahl unterschiedlicher Materialien. Diese komplexe Zusammensetzung stellt bislang eine große Herausforderung im Recyclingprozess dar. Dem wirkt das deutsche Outdoor-Bekleidungsunternehmen Schöffel seit 2023 mit seiner „Circularity”-Kollektion entgegen. Die sogenannte CIRC-Linie setzt konsequent auf das Material Polyester. Durch dieses Mono-Materialkonzept können die Shirts, Jacken und Hosen nach ihrer Nutzung nahezu verlustfrei recycelt und zu neuen Kleidungsstücken verarbeitet werden.

Chemisches Recycling bei matterr

Der Kreislauf startet mit der Einladung an die Kundinnen und Kunden, ihr CIRC-Produkt am Ende seiner Nutzungsdauer kostenfrei an Schöffel zurückzusenden. Nach einer mehrstufigen Sicht- und Funktionsprüfung werden die ausgedienten Textilien an den Recyclingpartner matterr übergeben. Das niedersächsische Startup hat ein Verfahren entwickelt, das Polyester in Monomere überführt. Diese stehen anschließend wieder für die Erzeugung von Produkten in Neuwarenqualität zur Verfügung – aus Garn wird wieder neues Garn. Dieses chemische Recycling findet derzeit noch in einer Pilotanlage in Braunschweig statt. Im Jahr 2026 soll der Bau einer Anlage im Industriemaßstab beginnen.

„Um das Recycling zu finanzieren, besteht zwischen Schöffel und matterr ein vertraglich geregeltes Abnahmeverhältnis, bei dem wir pro Kilogramm angeliefertem Material bezahlen”, erläutert Marco Tenace. Der Director Operations im Schöffel-Segment Sport fährt fort: „Das Rückführvolumen ist derzeit allerdings noch recht klein und unregelmäßig, da das CIRC-Programm erst vor zwei Jahren gestartet wurde und die Produkte aufgrund ihrer hohen Qualität und Langlebigkeit größtenteils noch im Gebrauch sind.“ Man rechne jedoch damit, dass sich der Rücklauf in den kommenden Jahren kontinuierlich erhöhen werde. „Um CIRC in Zukunft noch umfassender zu gestalten, erweitern wir unser Konzept und entwickeln Projekte, um nachhaltige Lösungen in allen Phasen der Kreislaufwirtschaft abzudecken. Dazu gehören zum Beispiel neue Produkte wie Taschen aus alten Schöffel-Materialien“, kündigt Tenace an.

Eine weiße Masse quillt aus einem Gerät, das Polyester in seine chemischen Einzelteile aufspaltet.
© matterr
Bei matterr wird das Polyester in seine chemischen Einzelteile, sogenannte Monomere, aufgespalten.

matterr auf der Startup Area der IFAT Munich

Die Braunschweiger Textilrecycling-Pioniere von matterr sind eines von voraussichtlich 50 Jungunternehmen, die sich im Mai 2026 auf der Startup Area der IFAT Munich präsentieren.

Holen Sie sich weitere Informationen für interessierte Aussteller und Besucher.

Ab 2027 mit mindestens 50 Prozent Recycling-Polyester

Das bei der Verarbeitung von CIRC-Produkten und weiterem Aufgabematerial entstehende Recycling-Polyester bietet matterr frei auf dem Markt an. Langfristig soll das Material auch wieder in die Schöffel-Produktion zurückfließen. „Für unser Produktteam gilt die Vorgabe, wann immer möglich auf recycelte Fasern zu setzen”, betont Tenace. Ab der Sommerkollektion 2027 wird ein verbindlicher Mindestanteil von 50 Prozent Recycling-Polyester für alle CIRC-Kleidungsstücke eingeführt.

In der Schöffel-Sommerkollektion 2026 beträgt der Anteil der CIRC-Modelle fast 14 Prozent. Während Kunststoffreißverschlüsse und Silikondrucke problemlos mitrecycelt werden können, gibt es bei Nylon-Stoffen, Acryldrucken, Aufnähern, tierischen Bestandteilen wie Daunen und Wolle sowie Metallreißverschlüssen und -knöpfen noch Barrieren.

Das Bekleidungsunternehmen hat sich zum Ziel gesetzt, in den nächsten Jahren die noch vorhandenen Einschränkungen zu reduzieren und insbesondere das Faserportfolio zu erweitern. So soll in naher Zukunft die Verwendung der Faser Nylon ermöglicht werden, die zusammen mit Polyester einen der wichtigsten Bestandteile der Schöffel-Produkte darstellt.

Mit tragfähigen Lösungen zu mehr Kreislaufwirtschaft

Innovatives Denken, neue Technologien und starke Partnerschaften: Die hier vorgestellten Beispiele zeigen, dass diverse Akteure die textilen Wertschöpfungsketten mit unterschiedlichen Ansätzen schrittweise in Richtung Zirkularität weiterentwickeln können. Neben dem Willen zur Veränderung ist entscheidend, dass entlang des gesamten Prozesses praktikable Lösungen entstehen, die sowohl ökologischen als auch wirtschaftlichen Anforderungen gerecht werden.

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